Stellen Sie sich einen Abend in Charkiw oder Sumy vor: Die Sonne geht unter, Wasserkocher, Klimaanlagen und Fabrikanlagen werden eingeschaltet – und genau diese Abendspitzenstunde bleibt seit zwei Jahren die verwundbarste Stelle eines Energiesystems, das systematisch mit Raketen beschossen wird. Diesen Sommer hat der Staat auf diese Schwachstelle nicht mit einem weiteren Versprechen reagiert, sondern mit einer Ausschreibung für den Bau neuer Kraftwerkskapazitäten – und zwar in einem Umfang, den die Ukraine bisher noch nicht gesehen hat.
Für die Baubranche, die lokalen Behörden und alle, die mit staatlichen Ausschreibungen arbeiten, ist das mehr als nur eine Energienachricht. Es ist ein Signal: In den kommenden zwei Jahren werden in sieben Regionen neue Industrieanlagen mit Investitionen im Milliardenbereich errichtet – das bedeutet Planung, Auftragnehmer, Materiallogistik und Arbeitsplätze für Dutzende Bauteams.
Die wichtigsten Fakten
- Am 9. Juli 2026 startete eine neue Phase der Ausschreibung für den Bau von über 1,5 GW an neuen, hoch flexiblen Gaskraftwerkskapazitäten – laut dem Ersten Vizepremierminister und Energieminister Denys Schmyhal die größte Ausschreibung für Erzeugungskapazitäten in der Geschichte der unabhängigen Ukraine.
- Bereits am 16. Juni hatte das Kabinett den Umfang der Ausschreibung von 1322 MW auf 1505 MW erweitert und ein separates Los über 183 MW für das Gebiet Dnipropetrowsk hinzugefügt, um den Energieknoten Dnipro abzusichern.
- Die Kapazitäten wurden auf sieben Regionen verteilt: die Gebiete Kyjiw und Tscherkassy – 250 MW, Sumy, Charkiw und Poltawa – zusammen 872 MW, das Gebiet Dnipropetrowsk – 283 MW, das Gebiet Odessa – 100 MW.
- Investoren haben 20 Tage ab Start der Ausschreibung Zeit, um Anmerkungen und Vorschläge zu den Bedingungen einzureichen; ein separates Treffen der Ausschreibungskommission mit potenziellen Teilnehmern ist für den 29. Juli angesetzt.
- Der Anreiz für Investoren ist ein Kapazitätsbereitstellungspreis von bis zu 27,92 Eurocent pro kWh über fünf Jahre nach Inbetriebnahme der Anlage.
- Die Regierung rechnet damit, alle neuen Kapazitäten bis Ende 2027 in Betrieb zu nehmen.
- Der Vorstandsvorsitzende von „Ukrenerho“, Vitalij Saitschenko, erklärte, das Investoreninteresse an der Ausschreibung sei bereits spürbar, trotz der Ambitioniertheit der Aufgabe.
Bedingungen der Ausschreibung für neue Kraftwerkskapazitäten
Der wichtigste Unterschied dieser Phase zu den vorherigen ist die Zielgenauigkeit. Die Lose sind nicht an abstrakte Megawatt gebunden, sondern an konkrete Energiemangel-Knotenpunkte, die durch Beschuss und Frontnähe besonders gefährdet sind. Teilnehmen können nur neue Anlagen, die bisher nicht in Betrieb waren – es geht also nicht um die Modernisierung alter Kapazitäten, sondern um Neubau von Grund auf: Fundamente, Turbinenhallen, Netzanschlüsse.
Was sich für Energiewirtschaft und Baubranche ändert
Das ist keine einmalige Subvention, sondern ein Marktinstrument: Der Staat legt den Tarif für fünf Jahre fest und verlagert das Baurisiko auf private Investoren, während er selbst die Rolle des Auftraggebers der Rahmenbedingungen übernimmt, nicht die des alleinigen Ausführenden. Für die Regionen bedeutet das neue Industriestandorte und Aufträge für Jahre im Voraus; für das Energiesystem einen Kapazitätspuffer genau in jenen Abendstunden, in denen das Netz die größte Unterstützung braucht.
Jede solche Anlage ist in erster Linie ein Bauprojekt: Ausschreibungen für Planung, Ausrüstungsbeschaffung, Errichtung von Bauwerken. Und während die einen von Gigawatt sprechen, rechnen andere bereits Betonkubikmeter und Lieferfristen für Turbinen – so entsteht aus einer Regierungsentscheidung auf dem Papier echte Bauarbeit für die kommenden zwei Jahre.
Quelle: LIGA.net

